Rohr

Schweizer Traditionsbetrieb erstrahlt in neuem Glanze

Ein Spezialist für Edelstahlrohrbögen bekennt Farbe: Die lebendigen Graffitis an den Wänden der Werksgebäude verdeutlichen bereits, dass sich die Rohrbogen AG mit Hauptsitz in der Nordwestschweiz direkt am Puls der Zeit befindet.
 

Der nachweislich erfolgreiche Mix aus strukturellen Anpassungen und gezielten Investitionen zeigt, dass beim Hersteller von Qualitätsrohrbögen und hydrogeformten Rohr- und Bogenkomponenten der Fortschritt weit über die Fassadengestaltung hinausgeht. Firmenchef Joey Schaffner und Verkaufs- und Beschaffungsleiter Daniel Koehly im Gespräch über die neuesten Entwicklungen, mittelfristige Ziele und alte Werte.

Sie weilt erst seit Kurzem unter den Bewohnern Prattelns. Und dennoch ist sie in gewisser Weise zum neuen, heimlichen Wahrzeichen des Unternehmens geworden, dessen Fassade sie schmückt: die leger gekleidete Frau, die mit angezogenen Beinen auf der Erde sitzt und zum schräg gegenüberliegenden Bahnhof und auf das Firmenlogo blickt. „Young Urban Art“ nennt sich die junge Kunstrichtung, deren Graffitis die Wände des Bürogebäudes und des Hochregallagers der Rohrbogen AG zieren. Und die gleich in mehrfacher Hinsicht bestens zum ebenfalls aus dieser Region stammenden Produzenten passen.

Regional und dennoch weltgewandt
Genauso wie die allesamt aus der Region stammenden „Young Urban Art“-Künstler, die der Rohrbogen AG und anliegenden Gebäuden zu mehr Farbe verholfen haben, ist auch der Rohrbogenproduzent regional verankert: Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich nach wie vor am selben Ort, an dem es vor mehr als acht Jahrzehnten gegründet wurde. Und dennoch ist die Rohrbogen AG äußerst weltgewandt. Das zeigen die erfolgreichen Handelsbeziehungen nach Amerika ebenso wie der Umstand, dass die Schweizer großen Wert darauf legen, dass ihre Produkte auch amerikanischen Normen entsprechen. „Wir vertreiben auch Bögen, die nach ASME B 16.9/36.10, 3A-Standard und ASME BPE hergestellt sind“, weiß Koehly. „Wir haben für unsere Bereiche alle Zulassungen und Zertifikate, die der Markt fordert“, fasst Schaffner zusammen.
Die meisten Produkte der Rohrbogen AG kommen in der Pharma-, Lebensmittel-, Trinkwasser- und Chemieindustrie zum Einsatz. Zudem gehören Unternehmen aus weiteren Branchen – wie der Abgas- oder Messtechnik und dem Anlagenbau – zu den Kunden. „Der europäische Markt ist unser Kernmarkt“, sagt Daniel Koehly. Vor allem nach Deutschland wird mit über 40 Prozent ein großer Teil der Produktion exportiert.


Bunte Mischung: Die Mitarbeiter der Rohrbogen AG

Langjährige Partnerschaften

„Wir bauen als Familienunternehmen offen und ehrlich auf Vertrauen und Partnerschaft“, betont Joey Schaffner, der Geschäftsführer der Rohrbogen AG. Diese Werte bilden die Basis für einen zukunftsoffenen Umgang mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern. „Die Kundenzufriedenheit ist unser oberstes Ziel“, bringt Daniel Koehly, Leiter Verkauf und Beschaffung, die Firmenphilosophie auf den Punkt. Die anderen, ebenso zentralen Bausteine der Unternehmens-DNA sind Zuverlässigkeit, Qualität und Wandel. „Wir sind stets ein gewissenhafter, zuverlässiger Partner, der grundsätzlich in höchstem Maße qualitätsbewusst und korrekt agiert“, konkretisiert Schaffner. Bereits seit der Gründung der Rohrbogen AG im Jahre 1936 durch Hans Schaffner – den Großvater des heutigen Geschäftsführers – setzt sich die Unternehmens-DNA aus diesen zentralen Werten zusammen. Daran hat sich auch mehr als 80 Jahre und zwei Generationen später nichts geändert.

Zuverlässig und qualitätsbewusst

Die glückliche Kombination aus Offenheit und Qualitätsstreben ermöglichte es der Rohrbogen AG schon früh, dem Erfolg auf ganz eigenen Wegen entgegenzuschreiten. Das galt auch für fast alle Maschinen und Verfahren, die für die Produktion der Rohrbögen erforderlich waren. „Die meisten unserer Spezialmaschinen und Herstellungsverfahren wurden und werden von uns entwickelt und weiter optimiert“, verrät Schaffner. Ab den 70er Jahren habe sich die Palette verfügbarer Verfahren zusehends erweitert. So etwa um das auch als Innenhochdruck-Umform-Verfahren bekannte Hydroforming und das daraus von der Rohrbogen AG entwickelte Hydrokalibrieren von Rohrbögen – ein Verfahren, welches in den 90ern zum sogenannten Hydrobiegen weiterentwickelt wurde. Durch dieses innen werkzeugfreie und berührungslose Biegen von Edelstahlrohren hat sich das Unternehmen zum Qualitätsführer für die Lebensmittel-, Pharma- und Halbleiterindustrie entwickelt. Die Rohrbogen AG ist dieser Tradition treu geblieben: Im hauseigenen Werkzeugbau werden weiterhin Spezialwerkzeuge gefertigt. Das umfassende, über Generationen weitergegebene und stets optimierte Know-how macht es möglich.
Was bereits als Erfolg begann, trug dank der hohen Zuverlässigkeit, der konstruktiven Eigenständigkeit und des unbedingten Qualitätswillens schnell weitere Früchte. So zählt die Rohrbogen AG mittlerweile rund 140 Mitarbeiter, etwa die Hälfte davon arbeitet in Pratteln und wird unterstützt durch die Belegschaft im polnischen Radom. In der rund 100 Kilometer südlich von Warschau gelegenen Großstadt werden seit über zehn Jahren kleinere Standardrohrbogen produziert, während in Pratteln Spezialrohrbogen und kundenspezifische, hydrogeformte Rohr- und Bogenkomponenten nach detaillierten Zeichnungsvorgaben hergestellt werden. Einen Quantensprung bildet hierbei die neue Hydroforming-Presse, die seit Anfang dieses Jahres in Pratteln im Einsatz ist. Auf beeindruckende Weise verdeutlicht die neue Anlage, dass der Mut zu Neuerungen und Investitionen die Rohrbogen AG bis heute kennzeichnen. Mit einer Schließkraft von 1.000 Tonnen und Innendrücken bis zu 3.000 bar ermöglicht sie mit ihrer modernsten Steuerung noch präzisere kundenspezifische Lösungen.

Engste Toleranzen, glatte Oberflächen
„Mit dieser zukunftsweisenden Investition haben wir uns auf die Herausforderungen eines auf engste Toleranzen angewiesenen Marktes eingestellt“, erklärt Joey Schaffner die Anschaffung des neuen Unternehmensstolzes. „Auf diese Weise können wir nicht nur den Abmessungsbereich für die von uns produzierten Sonderbauteile aus Rohren und Bögen erweitern“, fügt Daniel Koehly hinzu. Auch könne man nun auf äußerst kostengünstige Weise hochwertigste Komponenten komplett maßgeschneidert nach Kundenwunsch herstellen. „Unsere Stärke in der Fertigung liegt bei dünnwandigen Produkten mit einem Durchmesser von bis zu 168.3“, ergänzt Schaffner. Gerade die großen Durchmesser stellen eine besondere Herausforderung dar. „Je größer der Durchmesser, desto schwieriger ist der Biegeprozess“, so Schaffner.
Parallel zum High-Tech Ausbau in Pratteln wurde im letzten Jahr im polnischen Radom eine neue Abteilung zum Schleifen von Bogen auf Innen-Rauheitswerte unter 0.4 μm aufgebaut. Hiermit wird insbesondere auf die Anforderungen der Pharma- und Lebensmittelindustrie reagiert.

Wille zum Wandel
Den Willen zur Weiterentwicklung der industriellen Produktion in der qualitätsbewussten Schweiz dokumentieren die ersten 10.000 Teile, die inzwischen auf der mehrere Millionen Euro teuren neuen Hydro-Anlage gefertigt wurden. Die Basis für diesen Erfolg bildet das hohe Engagement der Belegschaft, die gemeinsam mit der Unternehmensführung die Umstrukturierung des Unternehmens vorantreibt. Die Dynamik des Standorts Schweiz beim erfolgreichen Wandel zeigte sich 2016, als die Unternehmensführung gemeinsam mit der Betriebskommission und der zuständigen Gewerkschaft sämtliche Unternehmensprozesse einer eingehenden Analyse unterzog. Es folgten deutliche strukturelle Anpassungen sowie weitere Maßnahmen zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung. Und siehe da: Die Rohrbogen AG konnte sich im Wandel behaupten, neue Kunden gewinnen und sich letztlich erfolgreich als europaweiter Marktführer für Edelstahl-Rohrbögen im Premium-Qualitätssegment behaupten.
Bezüglich der Geschäftszahlen zeigt Joey Schaffner die gewohnte Offenheit: Der Umsatz des wieder erstarkten Unternehmens beträgt zwischen 25 und 30 Millionen Euro. Jährlich werden sechs Millionen Rohrbögen und hydrogeformte Rohr- und Bogenkomponenten aus Edelstahl und Sonderwerkstoffen produziert. „Wir bewegen uns nicht nur im Bereich der ferritischen und austenitischen Stähle, sondern arbeiten auch mit Nickelbasislegierungen und den sogenannten Duplexstählen, speziellen Legierungen, zum Beispiel Hastelloy oder Duplex, erklärt der Physiker.
Auch für die Zukunft haben Schaffner und Koehly weitere Schritte klar im Fokus. Einer davon ist die Erweiterung des Produktionsstandorts in Radom um 4.000 Quadratmeter auf eine Gesamtfläche von 9.000 Quadratmeter zum Ende dieses Jahres. Was Schaffner als auch Koehly wichtig ist: dass sie bei ihren neuen Plänen immer mit der Zeit gehen. Denn sie wissen, dass sich vieles im Laufe der Jahre ändert. „Bei unseren Kunden wächst der Wunsch nach fertigen Produkten, die sie direkt verbauen können“, nennt Koehly ein Beispiel. „Zudem sind infolge der Verstärkung automatisierter Prozesse die Ansprüche der Kunden an die Enge der Toleranzen extrem gestiegen“, fügt Schaffner hinzu.
Große Chancen sehen die Prattelner in der immer verzahnteren, partnerschaftlicheren Zusammenarbeit mit ihren Kunden. „Unser Entwicklungsteam unter der Leitung von Christophe Eichelberger arbeitet zunehmend enger mit den Ingenieuren unserer Kunden zusammen – in gewisser Weise sind wir also eine verlängerte Werkbank für die Entwicklungsabteilung des Kunden“, verrät Koehly.

100-prozentiges Engagement

Worauf Schaffner auch in Zukunft größten Wert legt, ist die durchgehend höchste Qualität der Produkte aus dem Hause Rohrbogen AG: „Von der Rohranlieferung bis zur Auslieferung unserer Endprodukte unterliegt jeder einzelne Schritt Qualitätskontrollen“, betont er. Nicht umsonst sitzt der Qualitätsleiter Daniel Senn ebenfalls in der vierköpfigen Geschäftsleitung.
Ebenso stolz wie auf die konstant hohe Qualität seiner Produkte ist Schaffner auf seine Belegschaft: „Unsere Mitarbeiter identifizieren sich zu 100 Prozent mit ihrer Firma.“ Dass auch dies keine Phrase ist, zeigt ein Blick in die Prattelner Werkshallen. Ausgehängte Zettel künden von vielen neuen Ideen und einem bewundernswerten Engagement der Mitarbeiter, auch künftig die Abläufe und Prozesse in der Produktion weiter zu optimieren. Beste Voraussetzungen also, dass die Rohrbogen AG auch weiterhin Erfolgsgeschichte schreiben wird.
Captions:

2016-03-24 23.34.38: Ein Spezialist für Edelstahlrohrbögen bekennt Farbe: Die lebendigen Graffitis verdeutlichen, dass sich die Rohrbogen AG direkt am Puls der Zeit befindet. Foto: Isenbart two-columned

RP3 2: Jährlich werden sechs Millionen Rohrbögen und hydrogeformte Rohr- und Bogenkomponenten aus Edelstahl und Sonderwerkstoffen produziert. Fotos (2): Rohrbogen AG two-columned

2016-03-24 23.44.15: Maßarbeit: Nicolas Schumacher überprüft den exakten Grad des Winkels eines Rohrbogens. Foto: Isenbart two-columned

rohrbogen_gesamt: Bunte Mischung: Die Mitarbeiter der Rohrbogen AG two-columned

Unbenannt: Die meisten Produkte der Rohrbogen AG kommen in der Pharma-, Lebensmittel-, Trinkwasser- und Chemieindustrie zum Einsatz. Optional – only if you have enough space


 

Maßarbeit: Nicolas Schumacher überprüft den exakten Grad des Winkels eines Rohrbogens. Foto: Isenbart

 

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