Lean-Duplex S32001 auf dem Prüfstand

Die neue Generation von Duplex-Stählen

Lean-Duplex-Stähle sind heute mehr als nur ein Versuch, Kosten zu senken. Sie zeigen, dass sich hohe Festigkeit, Korrosionsbeständigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen. Eine aktuelle Studie des Journals „Construction and Building Materials“ vergleicht die mechanischen Eigenschaften der Güte S32001 mit dem bewährten S32205 (Duplex 2205) sowie mit Baustahl Q355. Die Ergebnisse belegen, dass die Lean-Variante auch im großtechnischen Maßstab überzeugt.

Ein Beitrag von Anett Leonhard, Edelstahl Aktuell

S32001 gehört zu einer neuen Generation von Lean-Duplex-Stählen, bei denen teure Legierungselemente wie Nickel durch Mangan und Stickstoff ersetzt werden. Dadurch sinken die Rohstoffkosten erheblich, ohne dass Festigkeit oder Korrosionsverhalten leiden. Während frühere Lean-Duplex-Entwicklungen wie S32101 nie über den Pilotmaßstab hinauskamen, hat sich S32001 bereits in der industriellen Produktion etabliert. Die Güte wurde ursprünglich von Armco Nitronic in den USA entwickelt, von der Tsingtuo Group in China weiter optimiert und in Serie gebracht. Dort findet sie inzwischen breite Anwendung in den Bereichen Bau, Infrastruktur und Transportwesen.


Mechanische Eigenschaften und Gefügebalance
In der Studie wurde S32001 systematisch mit S32205 und Q355 verglichen. Mithilfe standardisierter Zugversuche untersuchten die Forschenden, welchen Einfluss Walzrichtung, Kaltverformung und Schweißen auf die Kennwerte haben. Dabei wurden die Streckgrenze, die Zugfestigkeit, die Dehnung und das Elastizitätsmodul bewertet. Ergänzend kamen makroskopische und mikroskopische Analysen zum Einsatz, um Gefügeveränderungen und die Phasenverteilung sichtbar zu machen.

Die Ergebnisse zeigen ein stabiles Werkstoffverhalten über verschiedene Belastungsrichtungen hinweg. S32001 weist eine hohe Streckgrenze auf, kombiniert mit ausreichender Dehnung und guter Zähigkeit. Im Vergleich zu S32205 bleibt das Verhältnis von Festigkeit und Verformbarkeit nahezu gleichwertig, während die geringere Legierungsintensität wirtschaftliche Vorteile bietet. Auffällig war das ausgewogene Ferrit-Austenit-Gefüge, das auch nach Kaltverformung oder Schweißen keine kritischen Entmischungen oder intermetallischen Ausscheidungen erkennen ließ.

Ein weiteres Ziel der Studie war es, die Anwendbarkeit bestehender konstitutiver Modelle für Edelstahl auf Lean Duplex zu prüfen. Zu diesem Zweck wurden die Spannungs-Dehnungs-Beziehungen von S32001 sowohl in flachen als auch in gekanteten Bereichen analysiert, um das Verhalten unter realen Bauteilbedingungen besser abzubilden. In einer Zuverlässigkeitsanalyse wurden Sicherheitsbeiwerte, sogenannte γR-Werte, für verschiedene Lastkombinationen abgeleitet. Sie dienen dazu, Streuungen in den Materialkennwerten und Unsicherheiten im Tragverhalten rechnerisch zu erfassen. Damit lässt sich der Sicherheitsfaktor bestimmen, mit dem die experimentell ermittelten Festigkeitswerte bei der Bemessung anzusetzen sind. Die Ergebnisse liefern einen wichtigen Anhaltspunkt dafür, wie zuverlässig sich die Versuchsdaten auf reale Bauanwendungen übertragen lassen. Zudem enthält die Arbeit eine erste Lebenszykluskosten-Studie, die bestätigt, dass S32001 durch seinen geringeren Legierungsanteil und die verlängerte Einsatzdauer auch wirtschaftlich überzeugt.

Die Autorinnen und Autoren weisen ergänzend darauf hin, dass sich die mechanischen Eigenschaften des Werkstoffs unter erhöhten Temperaturen oder nach extremen Ereignissen wie Bränden und Korrosion verändern können. Diese Einflüsse werden derzeit separat untersucht. Insgesamt verdeutlicht die Arbeit, wie umfassend die mechanischen Grundlagen für S32001 inzwischen erforscht sind, und zeigt, dass der Werkstoff den Vergleich zu etablierten Duplexsorten nicht scheuen muss.

Foto: Dreamstime

Einsatzfelder in China
In den vergangenen drei Jahren wurden in China mehr als 6.000 Tonnen S32001 in großflächigen Projekten verbaut. Rund 600 Tonnen 0,5 Millimeter dickes Wellblech dienen als Dachmaterial für Stahlwerke in Küstennähe. Es ist zusätzlich farbbeschichtet, um den Korrosionsschutz zu erhöhen. 4.000 Tonnen kamen in den vorinstallierten Kanälen und Aufhängungen des U-Bahn-Tunnels von Qingdao zum Einsatz und ersetzten dort verzinkte Kohlenstoffstahlteile. Das Material bietet dort eine bessere Ermüdungsbeständigkeit und eine längere Lebensdauer bei gleichbleibender Stabilität. Für die Sanierung der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Shanghai und Yiwu wurden 1.500 Tonnen 6 mm dicke, gewellte Stahlplatten verwendet, um die Bauzeit zu verkürzen und die Haltbarkeit zu erhöhen.

Architektur und Hochbau
Auch architektonisch spielt S32001 eine Rolle. In Sanya entstand ein Empfangsturm mit einer beweglichen, blütenförmigen Skulptur, deren Struktur vollständig aus Rohren dieser Lean-Duplex-Güte gefertigt wurde. Die Ermüdungsfestigkeit lag bei 1,8 Millionen Lastzyklen unter einer Spannung von 350 Megapascal. Zudem wird der Werkstoff im Hochbau eingesetzt, etwa im modularen Fertigbau für nachhaltige Wohnprojekte in Hunan, wo mehr als 5.600 Tonnen S32001 verarbeitet wurden. Ein weiteres Großprojekt ist der im Bau befindliche Ostbahnhof von Chongqing, dessen Megafachwerkstützen mit 1.000 Tonnen Platten aus S32001 verkleidet werden.

Foto: Morteza Mohammadi - Unsplash

Perspektiven für den internationalen Markt
Diese Beispiele verdeutlichen, dass der Werkstoff nicht nur theoretisches Potenzial besitzt, er funktioniert bereits unter realen Bedingungen. Die Studie liefert den wissenschaftlichen Unterbau dafür und zeigt, dass sich die mechanische Leistungsfähigkeit auch auf die Praxis übertragen lässt. In Kombination mit der inzwischen gesicherten Massenproduktion positioniert sich S32001 somit als robuste und kosteneffiziente Alternative im unteren Duplexsegment.


Ausblick
Zwar fehlen noch weiterführende Untersuchungen zu Schweißverhalten, Korrosionsgrenzen und Langzeiteigenschaften, doch die bisherigen Erfahrungen sind vielversprechend. Aufgrund seiner Kombination aus Festigkeit, Fertigungsstabilität und moderatem Preis könnte Lean Duplex künftig auch außerhalb Chinas an Bedeutung gewinnen – jedoch nicht als Ersatz für klassische Duplexsorten, sondern als eigenständige Option für Anwendungen, bei denen Wirtschaftlichkeit und technische Performance gleichermaßen wichtig sind.

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Anett Leonhard
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