Die Landwirtschaft steht vor einer technischen Erneuerung, die leise beginnt, aber schnell an Fahrt gewinnt – angetrieben von den Faktoren Effizienz, Regulierung, Hygiene und Klimapolitik. Die EU hat 2022 den Rahmen gesetzt: Bis 2030 sollen 35 Milliarden Kubikmeter Biomethan pro Jahr erzeugt und ins System gebracht werden. Das ist eine Zahl, die Investitionen in Fermenter, Leitungen, Speicher und Peripheriegeräte auslöst. Sie führt auf die Höfe und in ihre Technikräume, in denen korrosionsbeständige Werkstoffe den Unterschied machen. Edelstahl ist dort kein Nice-to-have, er ist Planungsgrundlage.
Der Ist-Zustand zeigt die Richtung. Europa produzierte 2023 rund 22 Milliarden Kubikmeter Biogas, davon 4,9 Milliarden Kubikmeter Biomethan. Im ersten Quartal 2024 stieg die Kapazität auf etwa 6,4 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Das reicht noch nicht an das Ziel heran. Es zeigt jedoch, wie schnell der Markt anzieht und wie viele Anlagenkomponenten in korrosiven Medien zuverlässig funktionieren müssen. Edelstahl kommt somit in Gärbehältern, in gasführenden Abschnitten sowie in der Rühr- und Entschwefelungsperipherie zum Einsatz. Auch die politische und wirtschaftliche Debatte spielt eine Rolle. Deutschland und andere EU-Länder verzeichnen steigende Investitionen in Biomethan. Energieunternehmen planen neue Werke und sichern sich Einsatzstoffe. Für Landwirte entsteht eine Schnittstelle zwischen Energie- und Nährstoffkreislauf. In diesem Gefüge sind Lebensdauer, Hygiene, Reinigbarkeit und Restwert entscheidend. Edelstahl erfüllt diese Anforderungen und ist recycelbar. Das macht ihn zur robusten Wahl in einer Branche, die mit Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Chloriden und organischen Säuren arbeitet. Ein Perspektivenwechsel offenbart, wie Regulierung das Bild weiter modifiziert. So haben niederländische Vorstöße zur stärkeren Binnenbindung von grünem Gas eine EU-Prüfung ausgelöst. Das Thema Herkunftsnachweise für Biogas wird europaweit verschärft. Für Betreiber bedeutet dies Planungssicherheit in Bezug auf Zeitachsen und Qualitätsanforderungen an Anlagenkomponenten. Edelstahl bleibt dabei ein verlässlicher Faktor, da er sich in korrosiven Medien gut planen lässt.
GÜLLE, GÄRREST, BIOGAS – WO EDELSTAHL DIE LEBENSDAUER PRÄGT
Wer mit Gülle und Gärresten arbeitet, ist mit der Mischung aus Ammoniak, Sulfiden, organischen Säuren und Chloriden vertraut. Diese Medien greifen ungeschützte Stähle an. In Fermentern, Vorgruben, Rohrleitungen sowie an Rührwerken hat sich austenitischer Edelstahl bewährt. Die Legierung 1.4301/304 ist weit verbreitet. 1.4404/316L bietet eine höhere Sicherheit in chlorid- und H₂S-belasteten Bereichen. Duplex-Güten wie 1.4462/2205 sind dort von Vorteil, wo Wanddicken reduziert und Lasten erhöht sind, da sie Festigkeit und Lochfraßbeständigkeit bieten. Die Werkstoffwahl ist jedoch nicht der einzige entscheidende Faktor. Auch konstruktive Details wie scharfe Spalten, Toträume oder unzureichend nachbehandelte Schweißnähte können Auslöser für vorzeitige Schäden sein.


In Leitungen und Gasstrecken gilt: Biogas kondensiert bei Kontakt mit Feuchtigkeit und Sauerstoff zu schwacher Schwefelsäure. Das setzt unpassende Werkstoffe schnell außer Gefecht. Edelstahl wird deshalb für überirdische Piping-Abschnitte häufig gefordert. Er hält die Chemie aus, lässt sich passivieren und bleibt in Cleaning-in-Place-(CIP)-Prozessen, also der Reinigung im geschlossenen System ohne Demontage, gut beherrschbar. Bei der Planung sollten Spaltbereiche minimiert, geeignete Dichtwerkstoffe gewählt und auf sauber bearbeitete Oberflächen geachtet werden. Das senkt Stillstände und Wartungskosten.
Schlusshinweis
Wer tiefer einsteigen möchte, findet den vollständigen Beitrag in der November-Ausgabe der Edelstahl Aktuell. Dort geht es weiter mit den Themen Pflanzenbau, Düngung, Bewässerung und Gewächshaustechnik sowie mit der Frage, wie Edelstahlgüten, Design und Qualitätssicherung sinnvoll spezifiziert werden. Der Artikel spannt den Bogen über die gesamte landwirtschaftliche Prozesskette und ordnet Technik, Materialien und Anforderungen im Zusammenhang ein.
Über den Artikel der Woche
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Anett Leonhard
Chefredakteurin Edelstahl Aktuell
