Im Porträt: Dr. Dietlinde Jakobi

Die richtige Prise für den „Zaubertrank“

Dr. Dietlinde Jakobi ist bei Schmidt + Clemens für die weltweiten Vertriebsaktivitäten und die Koordinierung eines Teams hochqualifizierter Forscher und Techniker zuständig. In der täglichen Arbeit kann sie ihre Faszination für Edelstahl ausleben. Ein Porträt.

EA: Wie sind Sie in die Edelstahlbranche gelangt?

DJ: Die Kombination: Das Studium der technischen Chemie und die Promotion am Institut für Eisenhüttenkunde der RWTH Aachen waren eine ideale Voraussetzung dafür, auf der einen Seite die hochlegierten Edelstahlwerkstoffe und Gießprozesse zu verstehen und auf der anderen Seite die Prozesse in der Petrochemie und die Kundenanforderungen zu verstehen.

EA: Was macht für Sie die Faszination von Edelstahl aus?

DJ: Insbesondere der S+C-Herstellungsprozess: Schleuderguss (bei dem die Schmelze in eine rotierende Kokille gegossen wird) erlaubt uns, Legierungen für sehr individuelle Anwendungen bei extrem hohen Temperaturen und stark korrosiven Atmosphären zu entwickeln. Gerade für diesen Einsatz ist entscheidend, dass bereits bei der Erstarrung der
Bauteile in der S+C-Fertigung Keime gebildet werden, an denen später beim Einsatz im Betrieb sehr feine Ausscheidungen (im Nanometer- Bereich) entstehen. Dadurch können bei Temperaturen z. T. weit oberhalb von 900°C hohe Zeitstandfestigkeiten gewährleistet
werden. Gleichzeitig schützen sehr dünne (z.T. unter 1 μm dicke) Oxidschichten die Komponenten vor korrosivem Angriff.

Zur Herstellung der Komponenten mit diesen besonderen Eigenschaften sprechen wir von einem sehr „robusten“ Gießverfahren, in dem scheinbar lediglich verschiedene Einsatzstoffe eingeschmolzen werden. Um jedoch die oben genannten Eigenschaften zu erzielen, sind für jede S+C-Legierung die zeitlichen Abläufe beim Einschmelzen,die richtige Mischung der Rohstoffe und die feinen Prisen sehr geringer Mengen bestimmter Legierungselemente entscheidend, so dass aus einem gewöhnlichen Trank ein „Zaubertrank“ wird.

EA: Was ist heute Ihre Aufgabe?

DJ:Ich bin für die weltweiten Vertriebsaktivitäten und die Koordinierung eines Teams hochqualifizierter Forscher und Techniker zuständig, die an F&E-Projekten arbeiten, metallurgische Dienstleistungen und technische Kundenberatung sowie On-Site-Services anbieten.

Diese eng miteinander verknüpften Bereiche bieten ganzheitliche Lösungen für unsere Kunden in der Petrochemie und der Stahlindustrie/Direktreduktion von Eisenerz an.

Dazu optimieren wir die Effizienz der Anlagen, unterstützen unsere Kunden dabei, die Wirtschaftlichkeit der Anlagen zu erhöhen und gleichzeitig Emissionen zu reduzieren (Fokus: Nachhaltigkeit). Das erreichen wir durch den Einsatz einzigartiger, weltweit patentierter S+C-Werkstoffe in Kombination mit neuesten 3DTechnologien, mit speziell entwickelten Inspektionsverfahren oder durch Anwendung innovativer Simulationssoftware.

Das engagierte 25-köpfige Vertriebsteam (Sitz in drei Produktionsstandorten) und unser globales Netzwerk aus Agenten, Händlern und technischen Beratern ist für den Verkauf unserer Produkte und Dienstleistungen zuständig.

EA: Wo sehen Sie die größte Herausforderung in Ihrem Bereich?

DJ: Der Anstieg der Rohstoffpreise auf ein Allzeithoch, die drastische Erhöhung der Energiepreise und die Unsicherheit im Hinblick auf Verfügbarkeit von Erdgas stellte 2022
viele energieintensive Unternehmen vor große Herausforderungen. Das betrifft zum einen S+C, jedoch ebenfalls unsere Kunden – insbesondere in Europa: Im Laufe des Jahres 2022 wurden Anlagen aufgrund der hohen Energiekosten auf reduzierter Last betrieben oder sogar stillgelegt.

Die Themen Nachhaltigkeit und Effizienzsteigerung der Anlagen rücken jedoch weltweit sowohl in der Petrochemie als auch in der Stahlindustrie in den Fokus, so dass sich die patentierten S+C-Technologien wie die Werkstoffe Centralloy® HT E, Centralloy® 60 HT D, die 3D-Technologie SCOPE® oder Centralloy® Micro R durchsetzen konnten.

Dennoch gilt es gerade in dieser turbulenten Zeit, unsere Position als Lösungs- und Servicepartner weiter auszubauen (um Standortnachteile zu kompensieren).

EA: Wo sehen Sie die größten Veränderungen der Branche in den vergangenen Jahren und zukünftig?

DJ: Die der Petrochemischen und der Stahlindustrie auferlegten Nachhaltigkeitsziele haben einen enormen Entwicklungsschub bei Betreibern in Gang gebracht. In den letzten Monaten war extrem viel Bewegung zu verzeichnen im Vergleich zu den Vorjahren, die Themen Recycling von Kunststoffen, Elektrifizierung von Anlagen, der Einsatz neuer Brennstoffe, Entwicklung neuer Prozessrouten, etc. stellen unser Entwicklungsteam kontinuierlich
vor neue Herausforderungen – die es gemeinsam mit Kunden zu lösen gilt. Das erfordert die fortlaufende Analyse von technologischen Entwicklungen und Potenzialbewertung.

EA: Sie arbeiten in einem Familienunternehmen. Welche Vorteile sehen Sie?

DJ: Das Engagement und die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter, die Möglichkeit der Mitgestaltung, die kurzen Entscheidungswege, die Transparenz, um nur einige Beispiele zu nennen.

EA: Worauf sind Sie stolz?

DJ: Auf unser relativ junges Entwicklungs- und Kundenberatungsteam sowie unser Serviceteam! Es macht mich unglaublich stolz, positives Feedback von unseren Kunden
zur Leistung meines Teams zu erhalten – und das geschieht sehr oft! Und natürlich auch auf unser Vertriebsteam, das die Covid-Zeit genutzt hat, um neue Vertriebstools zu implementieren und unsere Prozesse zu verbessern.

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Catrin ist Redakteurin bei Edelstahl Aktuell. Stahl zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Berufsleben. Sie hat eine Ausbildung bei einem Großhändler für Rohr- und Rohrzubehör absolviert und in verschiedenen Funktionen bei einem Hersteller und Lieferanten von Analysegeräten für die Metallindustrie gearbeitet.