VDMA: „Standortwettbewerb annehmen“

Interview mit VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann

Der Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland steht vor zahlreichen
Herausforderungen. Wo liegen die größten Risiken, wo ergeben sich Chancen?
Welche Rolle wird KI im Maschinenbau spielen? Fragen, die VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann im Gespräch mit Edelstahl Aktuell
beantwortet.

EA: Nach mehreren Monaten mit zweistelligen Rückgängen hat sich die Situation im deutschen Maschinen- und Anlagenbau zuletzt zumindest leicht entspannt. Was muss passieren, damit sich die Lage dauerhaft verbessert?

TB: Der Auftragseingang im März ist sicherlich ein Lichtblick, aber noch kein signifikantes
Signal für Entspannung. Denn letztlich sind die Unternehmen und ihre Kunden unverändert mit zahlreichen Unwägbarkeiten und Belastungen konfrontiert – das wirkt sich zurückhaltend auf Investitionen und Aufträge aus. Mit Blick auf die vorgelagerten
Lieferketten kann dagegen tatsächlich von einer Entspannung gesprochen werden,
wobei auch hier der Normalzustand noch ein Stück weit weg ist.

EA: EA: Welche Faktoren belasten die Branche derzeit besonders?

TB: Wie gesagt, die Liste an Belastungen ist vielfältig: Die allgemein schwache Konjunktur
der Weltwirtschaft macht sich deutlich bemerkbar für den Maschinen- und Anlagenbau.
Zudem belasten hohe Zinsen und Inflation die Unternehmen und Geschäftsmodelle.
Das Wachstum in China hat sich spürbar abgekühlt und der weltweit zunehmende Protektionismus ist Gift für Export und Handel. Zugleich herrscht Fachkräftemangel,
was ein essenzielles Thema für die Unternehmen ist. Die Veränderungen im Energiebereich, maßgeblich durch den Krieg in der Ukraine ausgelöst, kommen hinzu.

Aber es gibt auch positive Aspekte: Die großen Transformationsthemenunserer Zeit, allen voran die Dekarbonisierung sowie Automatisierung und Digitalisierung, bergen ein riesiges Geschäftspotenzial. Es geht um neue und oft zusätzliche Investitionsbedarfe in Maschinen, Anlagen, Systeme sowie energieeffiziente Komponenten und Services.

EA: Was gibt Ihnen Hoffnung, dass die häufig mittelständisch geprägten Maschinenbau-Unternehmen gut durch die Krise kommen?

TB: Die Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau sind es gewohnt und haben Erfahrung, sich auf verändernde Marktsituationen und Rahmenbedingungen einzustellen. Gerade die stark mittelständisch geprägte Struktur des Maschinenbaus ermöglicht ein hohes Maß an Flexibilität und Veränderungsgeschwindigkeit, das ist ein enormer Vorteil. Zudem werden die dringlichen Transformationen unserer Zeit nicht ohne Technologien zu
bewältigen sein, insbesondere der Klimaschutz. Der Maschinen- und Anlagenbau wird
dabei als Enabler unbedingtgebraucht.

EA: Der hohe Strompreis belastet die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Wie sehen Sie die Diskussion um einen Industriestrompreis?

TB: Der Maschinen- und Anlagenbau selbst ist in seiner Breite nicht energieintensiv –
er bietet Lösungen, um energieintensiven Unternehmen Einsparpotenziale, z.B. durch energieeffizientere Produktionsmittel, zu erschließen. Zweifellos gibt es aber auch einzelne Unternehmen in sehr energieintensiven Industrien, die durch die hohen Energiepreise nicht nur internationale Wettbewerbsnachteile hinnehmen müssen, sondern in ihrer Existenz
gefährdet sind. Hier kann ein Industriestrompreis als Brücke helfen, bis ein ausreichendes
Angebot und damit sinkende Strompreise realisiert sind.

EA: Der Fachkräftemangel ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und treibt auch die Branche um. In der Diskussion um den Fachkräftemangel ist die 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich derzeit ein heiß diskutiertes Thema. Wie stehen Sie als Branchenverband zu diesen Plänen?

TB: In Zeiten des Fachkräfte oder besser des Arbeitskräftemangels gilt es, das  Arbeitszeitvolumen zu erhöhen und nicht zu reduzieren. Die Idee einer 4-Tage-Woche mag auf den ersten Blick attraktiv klingen, doch muss es in unserem Land aktuell darum gehen, die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten zu fördern und zu honorieren. Die Motivation,
länger zu arbeiten und dann auch mehr zu verdienen, steigt sicherlich, wenn der
Staat dauerhaft darauf verzichtet, durch die kalte Progression das Meiste des Mehrverdiensts gleich wieder abzuschöpfen. Auch eine 4-Tage-Woche bei gleichbleibender Wochenarbeitszeit und entsprechender Arbeitsverdichtung ist sicherlich nicht für jeden
Beschäftigten der richtige Weg.

Generell muss gelten: Bei der Ausgestaltung der Arbeitszeit muss den Unternehmen und Beschäftigten ein deutlich größerer Gestaltungsspielraum ermöglicht werden, um
betriebliche und persönliche Belange unter einen Hut zu bekommen. Anstatt
über die 4-Tage-Woche als das Arbeitszeitmodell der Zukunft zu diskutieren,
sollte es endlich zu einer Flexibilisierung des Arbeitszeitrechts kommen.

EA: Künstliche Intelligenz ist ein gesellschaftliches Megathema. Wie wird KI den Maschinen- und Anlagenbau verändern? Welche Risiken und welche Chancen erwachsen daraus?

TB: KI oder besser gesagt maschinelles Lernen hat den Maschinenbau bereits an vielen Stellen verändert und diese Entwicklung wird weitergehen. Die Einsatzmöglichkeiten
sind dabei vielfältig – beispielsweise, um Fertigungsprozesse zu optimieren, bei der Maschinenbedienung zu assistieren, die Qualität von Produkten zu prüfen oder neue Geschäftsmodelle aufzubauen. Und auch in der Produktentwicklung und im Kundendienst finden sich Einsatzfelder. Chancen bestehen dort, wo klassische regelbasierte IT-Lösungen nicht greifen. KI-Lösungen bieten dann enorme Möglichkeiten für Prozesse und Produkte.
Allerdings muss auch KI gemanagt werden. Die Datenbasis muss für die Aufgabenstellung passend sein und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Systems ist essenziell. Ansonsten ist KI schnell kapazitätsintensiv, ohne Mehrwert.

EA: Welche politischen Weichenstellungen wünschen Sie sich, um als Branche gestärkt aus der Krise hervorzugehen?

TB: Es geht in Summe darum, den Standortwettbewerb anzunehmen und Deutschland
und Europa bestmöglich im internationalen Kontext zu positionieren. Das bedeutet mit Blick auf die Politik, dass notwendige Debatten geführt werden müssen und dass es schnelle
Entscheidungen braucht. Flexiblere Arbeitsmärkte, effiziente Regulierung und deutlich weniger Bürokratie sind dabei ein zentraler Dreiklang.

+++ Erstveröffentlichung in Edelstahl Aktuell Ausgabe 4 – Juni 2023. Um zukünftig solche und weitere Inhalte zeitnah und regelmäßig zu lesen, abonnieren Sie Edelstahl Aktuell kostenfrei. +++

Vorheriger ArtikelIm Porträt: Dr. Dietlinde Jakobi
Nächster ArtikelFinnischer Lean Duplex an der spanischen Küste
Catrin ist Redakteurin bei Edelstahl Aktuell. Stahl zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Berufsleben. Sie hat eine Ausbildung bei einem Großhändler für Rohr- und Rohrzubehör absolviert und in verschiedenen Funktionen bei einem Hersteller und Lieferanten von Analysegeräten für die Metallindustrie gearbeitet.