The Tower von Frank Gehry

The Tower von Frank Gehry
11.000 individuelle Edelstahlziegel
ARTIKEL DER WOCHE

Foto: LUMA |Adrian Deweerdt

11.000 Edelstahlziegel für ein Spiel aus Licht und Schatten 

The Tower ist das Herzstück des 15.000 m² großen Kunstzentrums LUMA Arles im Süden Frankreichs. Eingeweiht im Juni 2021, ist er Heimat für Forschungs- und Archiveinrichtungen, Workshop- und Seminarräume sowie Ausstellungsflächen. Kein geringerer als Stararchitekt Frank Gehry hat dieses Gebäude konzipiert. 

Inspiriert haben Gehry die Geschichte des Städtchens Arles, die bis in die Zeit der Römer zurückreichtsowie die umliegende LandschaftLässt man den Blick schweifen über die Skyline von Arles, so sieht man Türme, die von der Antike über das Mittelalter bis in die Gegenwart reichenNordöstlich von Arles erheben sich die  Kalksteingipfel der Alpillen aus dem Rhonetal. Sie spielten schon in den Gemälden  von Vincent van Goghs eine wichtige Rolle. Van Gogh stellte die Alpillen mit  sichtbarensegmentierten Strichen dar, die die Dynamik und Textur des Geländes  betonen. Dies griff Frank Gehry in seinem Entwurf für The Tower auf. Die beeindruckenden Formen und Texturen  der zerklüfteten Felsen halfen, eine formale und inhaltliche Ambition für das neue Gebäude festzulegen

Foto: LUMA | Adrian Deweerdt

Auch Elemente des geologischen Vokabulars wurden von Frank Gehry verwendet, um bestimmte Teile des Gebäudes zu charakterisieren, so zum Beispiel die verglasten „Verwerfungen“, die entlang der Fassade verlaufen und die Türme miteinander verbinden.

The Drum

Das zentrale Element des Gebäudes ist eine runde Glastrommel – The Drum. Ihre Form ist dem Grundriss des römischen Amphitheaters in Arles nachempfunden. Wie das Amphitheater spiegelt auch The Drum in ihrer Größe und klaren Geometrie den antiken römischen Einfluss auf die Stadt wider. The Drum ist sowohl transparent als auch durchlässig, mit Wänden, die sich zu den umliegenden Industriegebäuden öffnen und sie zum zentralen Knotenpunkt des LUMA Campus machen. Sie misst 54 Meter im Durchmesser und hat eine maximale Höhe von 18 Metern.

Lichtreflexion für Bewegung an den Fassaden

The Tower wächst aus der Mitte der Trommel heraus und ist auf das historische Zentrum von Arles ausgerichtet. Die Außenverkleidung des Gebäudes wurde von der Art und Weise, wie van Gogh die Alpillen darstellte, beeinflusst. Das Design des Gebäudes versucht, die Bewegung diskreter Elemente über eine Oberfläche zu erfassen. Diese Art der Zerlegung der Oberfläche in sichtbare Module wurde zu einem wichtigen Thema bei der Oberflächenentwicklung des Gebäudes, da es die Idee eines „malerischen Gebäudes“ verstärkte. Entstanden ist eine verdrehte Fassade, verziert mit 11.000 Edelstahlziegeln. Diese fangen alle Farbvariationen des Himmels ein und geben dem Gebäude ein sich ständig änderndes Aussehen – eine weitere Anspielung auf van Gogh, der während seiner Zeit in Arles ständig die Schattierungen des provenzalischen Himmels auf seinen Leinwänden festhielt.

Bei genauerer Betrachtung der lokalen Architektur kann zudem festgestellt werden, dass die Mauerwerkskonstruktion der römischen und romanischen Architektur in Arles das Konzept verstärken. Die Textur und das Gewicht der Steinbauten, wie etwa die Kalksteinplatten des Amphitheaters, die Thermen von Konstantin und die Steindachplatten des Kreuzgangs der Kirche Saint-Trophime, dienen als Referenz und Ausgangspunkt für das Design von The Tower. Der elfgeschossige Tower erstreckt sich auf einer Höhe von 56 Metern über eine Fläche von 15.831 m². Er besteht aus vier miteinander verbundenen Türmen, die an einem Betonrückgrat befestigt sind. Dort sind die Aufzüge und Treppen untergebracht. Über die Fassade hinaus erstrecken sich Glaskästen, die sogenannten „Verwerfungen“. Sie dienen als Fenster und bieten verschiedene Ausblicke auf das Gelände und die Umgebung.
Die Verwerfungen an den Türmen bieten Ausblicke auf die Umgebung. Foto: LUMA | Iwan Baan

11.000 Unikate  

Bewegt man sich um The Tower herum, so verändert er sein Aussehen, denn jeder einzelne der 11.000 Edelstahlziegel reflektiert das Licht anders. Im Laufe des Tages nimmt das Gebäude die Farben und Schattierungen der Umgebung und des Himmels an und vermittelt so den Eindruck von Bewegung an den Fassaden.

Je nach Tageszeit und ein Lichteinfall bietet sich ein anderes Bild für den Betrachter. Foto: LUMA | Adrian Deweerdt

Die aus rostfreiem Stahl gefertigten Gebäudepaneele verweisen darüber hinaus auch auf die Tradition der Mauerwerkskonstruktion der Region und das industrielle Erbe des unmittelbaren Standorts. Die Ziegel aus 316L Edelstahl wurden in einem speziellen mechanischen Prozess verformt. Das Verfahren ist patentiert. Um die gewünschte Textur zu erhalten, wurden die Ziegel gekörnt. Polierter Edelstahl wäre zu glänzend gewesen, nicht-polierter Edelstahl hingegen hätte zu dunkel gewirkt. Daher wurden Tests durchgeführt, um die Textur zu finden, die zu dem jetzigen perfekt aussehenden Ergebnis führt. Jeder einzelne Ziegel ist ein Unikat, einzigartig, ganz so wie es Frank Gehry gefordert hat. Die Ziegel wurden durchnummeriert und jeweils einer spezifischen Position am Gebäude zugewiesen. 11.000 Edelstahlziegel mit einem Gewicht von rund 130 Tonnen, die für ein einzigartiges Spiel aus Licht und Schatten sorgen.

Catrin ist Redakteurin bei Edelstahl Aktuell. Stahl zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Berufsleben. Sie hat eine Ausbildung bei einem Großhändler für Rohr- und Rohrzubehör absolviert und in verschiedenen Funktionen bei einem Hersteller und Lieferanten von Analysegeräten für die Metallindustrie gearbeitet.

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